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Das Urteil im Fall Apple gegen Samsung: vielleicht vorteilhaft für die Verliererseite?

Das Urteil im Fall Apple gegen Samsung: vielleicht vorteilhaft für die Verliererseite?

Während Samsung Electronics Co. Ltd. nun über eine Milliarde Dollar durch das Urteil verlieren wird, ist vielleicht ein anderweitiger Sieg für die Firma aus Südkorea eingetroffen.

Enrique Gutierrez äußerte sich zu seinen post-Gerichtsverfahren-Erlebnissen in einer Starbucks-Filliale, wo er mit diversen zufälligen Leuten in Kontakt trat. Die simplizistische Interpretation des Urteils, Samsung sei nun praktisch Apple (schließlich habe man die Produkte ziemlich nah kopiert und somit gegen Patentrechte verstoßen), scheint in einigen Köpfen gut zu resonieren. Durchaus vergleichbar mit einer Maraca.

Könnte der gesamte Prozess eine strategisch durchgeplante Werbekampagne gewesen sein? Verschwörungstheoretiker laben sich an den Eindrücken aus dem Gerichtssaal, in dem ein hochmotivierter Samsung Anwalt versuchte die Jury hinter’s Licht zu führen. Wer diese Perspektive bevorzugt, findet darin vielleicht das Motiv für eine neue Art der Self-Promotion.

Sorry, aber Starbucks führt keinen vernünftigen Kaffee. So ist das.

Ich bin ja ein großer Freund guter Kaffeekultur. Frische Bohnen, sortenreine Arabica Blends, vernünftig und frisch geröstet, nach den passenden Parametern zubereitet. Ist eigentlich auch gar nicht teuer, sowas. Die Ironie des Schicksals schlägt natürlich zu, wenn man in einem systemgastronomischen Betrieb mit recht teuren kaffeeähnlichen Heißgetränken und “Baristas”, mit gefährlichem Halbwissen über die Zubereitung dieser, anfängt über die Werthaftigkeit von Consumer-Electronics zu diskutieren.

Gutierrez schlürft also seinen verhältnismäßig teuren, überextrahierten Kaffee sans Geschmack und hört diversen Konversationen zu, die etwa so verlaufen:

Guy: “Wait, so what they’re saying is, Samsung is the same as Apple?”
Friend: “I know, right? Makes me think twice about how much I paid for my Mac Book”
Guy: “Seriously”

Natürlich hat dieser Interpretationsweg einen gewissen Sensationswert. Die Bild-Zeitung wird sicherlich auch darin baden. Aber come on, vom CTO von Digithrive könnte man doch ein wenig mehr kritisches Denken erwarten, oder nicht? Er schließt sich der Meinung von einem Teil der großen Masse an: Dass keine Unterschiede zwischen den Produkten von Apple und Samsung bestünden, außer natürlich in der Preisdifferenz. Die Konsumenten seien abgezockt worden und sollten sich auch dementsprechend schlecht fühlen. Reitet da einer auf einer Welle mit?

Aber wenn das doch alles gleich ist, wieso ist das andere Gerät teurer?

Erste Berichte von Retourewünschen treffen ein, man habe das iPad ja teuer bezahlt – doch das Galaxy Tab soll dasselbe sein? Plötzlich scheint das Urteil sich als Werbekampagne von Samsung zu manifestieren, die Verbraucher sind eher verunsichert als in ihrer Meinung gefestigt. Schließlich muss ja jeder auf die eigenen Finanzen achten, vor allem wenn es um Luxusprodukte geht.

Dazu muss ich erwähnen, dass ich privat wie geschäftlich im Desktopbereich PC-Hardware benutze, auf der das Mac OS X Betriebssystem läuft, weil es einfach günstiger ist. In unseren Gefilden ist dieser Einsatz auch zulässig, wenn man die Lizenz für das Betriebssystem besitzt, weil gewisse Teile der EULA einfach nicht greifen. Also setze auch ich auf eine günstige Lösung. Aber gleichzeitig würde ich nie behaupten, dass meine Bastlerkiste hier auch nur vergleichbaren Wert mit einem Mac Pro bieten könne. Das wäre schlicht und ergreifend falsch. Die schiere Unzerstörbarkeit des Gehäuses, Materialqualität, Kompatibilität mit dem Betriebssystem, das durchdachte Design (nicht nur in Optik, auch in Funktion) und spürbare Liebe zum Detail unterscheiden einen echten Mac Pro von meiner kleinen Chinazauberkiste. Und das auf den ersten Blick.

Selbiges gilt für Unibody MacBook-Pro’s, in die einfach eine gigantische Summe für Research & Development eingeflossen ist. Sich dann über $100-200 aufzuregen, die man im Vergleich für ein Samsung Notebook mit ähnlichen Spezifikationen gezahlt hätte, wirkt etwas seltsam auf mich. Dasselbe gilt für Smartphones, bei denen das Betriebssystem und die Nutzererfahrung in subjektiven Vergleichen landen oder außer Acht gelassen werden. Diese sonderbare Meinung, es handele sich tatsächlich um denselben Wert zum anderen Preis, entspringt unter anderem auch einer ganz bestimmten Ignoranz. Es ist ein nicht anerkennen wollen bzw. können, wo die Wurzeln eines Produkts liegen.

Zuerst wollte ich Premium, jetzt will ich auch Premium. Aber bitte günstiger.

Sozio-technologischer Blickpunkt: Jede Innovation basiert auf anderen Innovationen, der evolutionäre Charakter einer Idee ist unbestreitbar. Wir sind alle Akteure in einem Netzwerk, die Inspiration beziehen und ihren eigenen Remix erstellen und vielleicht sogar vermarkten. Aber genau dieser Prozess kann qualitativ durchgeführt werden, oder mit quantitativem oder replikativem Fokus. Die Produkte diverser Hersteller mögen ähnlich sein, aber da was Gutierrez und andere beschreiben ist bestenfalls eine Herdenreaktion. Denn gleich ist hier höchstens der Mangel an hinterfragendem Denken hinter einigen Äußerungen.

Vom Stammtisch direkt in die Social Media Platform

So wie einst die arrogante Apple-Hipster Welle das Land durchzog, scheint sich nun eine ähnliche Arroganz in den Köpfen der Android-Fanatiker zu manifestieren: Mein Gerät kann alles was deins auch kann, nur billiger. Du bist also ein Schwachkopf, schließlich hast du mehr gezahlt. Typischerweise sind die Äußerungen beider fanatischen Camps uninformiert, insbesondere was die technologischen Aspekte anbelangt. Schaut man genauer hin, erkennt man in den Statussymbol-Usern auch flache Nutzungsmuster, die bestenfalls 10% des Potenzials besagter Geräte rausholen. Ein Macbook Pro zum Surfen im Web und Skypen, ab und zu mal Office nutzen, ein bisschen Gaming. Ein Samsung Galaxy S3 zum Whatsapp-Chatten und Bild-App lesen. Oh Goodness. Immerhin verlassen wir langsam die Zeit der elektrizitätshungrigen Quad-Core Pornobetrachter in Desktopform für das gemeine Volk (siehe Performance-Overkill & DAU).

Benutzen und benutzen lassen

Ein Ende des gegenseitigen Bashings ist nicht absehbar, dafür genügt ein schweifender Blick in Foren mit Betriebssystem-Diskussionen. Brauchen wir denn wirklich die Zugehörigkeit zu einem System, einer Marke oder Firma um uns besser zu fühlen? Scheinbar ist der gewonnene Ego-Boost nur von kurzer Halbwertszeit, ansonsten müsste man sich nicht regelmäßig in Online Stammtisch-Diskussionen blamieren.

So utopisch und futuristisch klingt eine Zeit, in der wir jeden mit seinen Produkten leben lassen und die Klappe halten, wenn wir keine Ahnung haben. Vielleicht sind die einen Produkte etwas besonderes und verdienen daher eine gewisse Marge, vielleicht sind andere Produkte beeindruckend erschwinglich für ihre Qualität, andere wiederum tragen keinen bekannten Namen und sind noch erschwinglicher mit teilweise einzigartigen Funktionen.

Irgendwann wird der Tag kommen, an dem das Bashing im Sandkasten bleibt, wo es hingehört. Bis dahin genieße ich meinen Gerätepark, der sich aus etwa einem Dutzend Herstellern zusammensetzt, mehrere Betriebssysteme umspannt und in seiner heterogenen Zusammenstellung sehr geschätzt wird. Derweil amüsiere mich über technologisches Halbwissen und politisierten Gadgetfanatismus in einer Zeit, in welcher Otto und Bernd Normalverbraucher für die einfachsten Dinge technische Hilfestellung brauchen, dreizehn Toolbars im Browser kleben haben, aber zu allem eine Meinung äußern möchten. Wir haben ja sonst auch keine Probleme. Amen.