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Avatare: Zeig mir, wen Du spielst und ich sag Dir, wie Du bist

Avatare: Zeig mir, wen Du spielst und ich sag Dir, wie Du bist

Kennt ihr den Film "Surrogates" mit Bruce Willis? Er zeichnet eine Welt, in der alle Menschen ihren eigenen unsterblichen Avatar haben, den sie von zu Hause, aus ihrer Liege heraus, steuern und der ihre Rolle als Person im "realen" Alltag vollständig übernimmt. Alle digitalen Stellvertreterfiguren sind dementsprechend jung, schön, erfolgreich und selbstbewusst.

Die wirklichen Menschen dahinter verkommen immer mehr zu dicken, trägen, hohlen Körpern, die nicht mehr das Haus verlassen (es wäre ein Skandal!), geschweige denn tatsächlich miteinander kommunizieren. Die Idee des Films trifft damit im Kern einen Urwunsch des Menschen: Einmal in die Rolle eines Anderen schlüpfen, sich ausprobieren, jemand anderes, jemand besseres sein, ein Held, erfolgreich, schön oder unbesiegbar. Und sich so benehmen können, wie man will, mutig, hemmungslos, extrovertiert, exhibitionistisch, ohne selber die Konsequenzen im realen Leben tragen zu müssen.

Proteisches Selbst

Diesen Wunsch und die Fähigkeit immer wieder in neue Rollen zu schlüpfen und keinen fest umrissenen Charakter haben zu müssen, nannte der Psychologe Robert J. Lifton erstmals 1993 das "Proteische Selbst" (Protean Self) oder die "Proteischen Persönlichkeiten". Im Jahr 2000 wurde dieser Begriff durch den Soziologen Jeremy Rifkin populär für die "Generation@". Seit dem wurde das Phänomen Avatar und seine Auswirkungen auf den User von einer Vielzahl von Wissenschaftlern aus den Bereichen Kommunikation, Psychologie und Medien erforscht, insbesondere anlässlich der medialen Diskussion um das Spiel Second Life.

Aus den Studien ergab sich, fasst man die Ergebnisse mal zusammen, dass es nicht zwingend die krasse, in "Surrogates" vorgestellte Alternative sein muss, wohin die Nutzung von Avataren uns in Zukunft führen könnte. Die andere Alternative klingt wesentlich vielversprechender: Das Erstellen eines digitalen "Super - Ichs" kann sich positiv auf die eigene Psyche und das Verhalten des Nutzers auswirken. Das Mauerblümchen, dass sich im Netz als sexy kämpfende Amazone präsentiert, könnte etwas von der Stärke und dem Kampfgeist in ihr eigenes Leben übertragen. Genau so wie der verklemmte Schmalhans durchaus etwas von dem Mut und dem Selbstbewusstsein seines muskelbepackten Superman - Avatars mit in den realen Alltag nehmen kann

Hier einige Studienexempel:

2007 untersuchte der Medienwissenschaftler Nick Yee im Rahmen seiner Dissertation den "Proteus Effekt". Er fand heraus, dass Menschen, die einen besonders attraktiven Avatar hatten, auch im realen Leben zunehmend offener dem anderen Geschlecht gegenüber traten und sogar schneller intim wurden. Des Weiteren stellte er fest, dass sich Menschen mit einem dominanten Avatar aggressiver und unfairer in Verhandlungs - oder Feilschsituationen verhielten, als solche, mit einem schwächeren Avatar. Dafür untersuchte er zunächst das Online - Verhalten der User und anschließend, mit einigem Zeitabstand, ihr Verhalten in Face - to - Face Situationen.

Anfang 2010 ließ die Kommunikationswissenschaftlerin Jesse Fox Probanden Avatare, die ihnen selbst ähnlich sahen, in unterschiedlichen Situationen beobachten. Solche, die ihr Ebenbild beim Training auf dem Laufband beobachteten, empfanden tatsächlich am darauffolgenden Tag das deutliche Bedürfnis eine Stunde länger Sport zu treiben. Diejenigen, die ihren Avatar auf der Couch beim Chillen zusahen, naja, ihr könnt es euch denken, zogen am nächsten Tag eher das Sofakartoffel - Dasein dem Training vor.

Eine neuere Studie der Hamburger Psychologin Sabine Trepte kam zu dem Ergebnis, dass Personen, die im Netz bereitwillig viele persönliche Angaben preisgeben und viel Intimes mit der digitalen Welt teilen, nach etwa einem halben Jahr auch im realen Leben lockerer auf andere Menschen zugehen. Zudem seien sie generell extrovertierter, was persönliche Informationen betrifft, und haben sogar mehr echte Freunde.

Doch nicht nur wissenschaftliche Studien kommen immer wieder zu Ergebnissen, die diese These belegen, auch User beispielsweise des Spiels Second Life berichten davon, dass sie vor ihrem virtuellen Leben an sozialen Ängsten und gar Agoraphobie (Angst bzw. ein starkes Unwohlsein an bestimmten Orten, die aus diesem Grunde gemieden werden) litten. Seit sie in der digitalen Welt ein Leben ausprobieren konnten, das sie so nie geführt hätten, sogar inklusive virtuellem Sex, großen Freundeskreis und Online - Hochzeit, habe sich ihr realer Alltag zum Positiven verändert. Sie haben mehr Mut Fremde anzusprechen und Kontakte zu knüpfen - was sie selber auf ihren Avatar und ihr digitales "Probeleben" zurückführen.

Avatare und ihre Menschen (via acidcow.com)

Zeig mir, wen du spielst und ich sag dir, wie du bist

Interessant fand ich persönlich, dass Menschen, die ein geringeres Selbstbewusstsein haben und introvertierter oder schwächer sind, sich eher Avatare basteln, die ihrem Ideal entsprechen, die also eine Art "perfektes Super - Ich" darstellten; wie sie gern wären, aber niemals sein werden.

Selbstbewusste, offene Menschen hingegen probieren gerne verschiedene Rollen aus, wählen sowohl den Helden, als auch den Außenseiter, den Untergebenen, ein Kind oder gar ein anderes Geschlecht. Der Grund dafür ist, dass letztere in ihrer Persönlichkeit und ihrem Charakter gefestigter sind und ihr eigenes Selbst der stabile Standpunkt ist, von dem aus sie agieren können. Pauschalisiert und überspitzt man die These, wird deutlich, was gemeint ist: Für die erste Gruppe ist es mehr Ernst, für die zweite Gruppe mehr Spiel. Aber dennoch, die genannten Studien beweisen es, theoretisch kann ein Avatar uns alle in unserem Verhalten beeinflussen.

It's your floor

Zu meiner Zeit (damals!) gab es noch "Das schwarze Auge" und selbst da stand ich der Idee, dass man sich ein fiktives Ich kreiert, skeptisch gegenüber. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich wirklich verschmelzen kann mit einer virtuellen Figur; wobei ich auch nicht das Bedürfnis verspürte, jemand anderes sein zu wollen.

Mich interessiert aber sehr, wie ihr das seht: Habt ihr einen Avatar (Foto!) und schon eigene Erfahrungen gemacht, die in Richtung der Studien gehen? Hat euer Avatar euer Leben verändert? Oder ist ein Avatar eben nur Mittel zum Zweck, um ein Game zu zocken? Oder findet ihr das sogar total schwachsinnig und ihr denkt, solche Leute, die sich ernsthaft beeinflussen lassen, flüchten nur aus der Realität, weil sie in dieser nichts auf die Kette kriegen? Diskussion erwünscht!


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