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Dark Web: 70% wollen dass es verschwindet

Dark Web: 70% wollen dass es verschwindet

Das "Center for International Governance Innovation" veröffentlichte kürzlich die Ergebnisse einer internationalen Umfrage mit über 24.000 Teilnehmern aus 24 Ländern zum Thema "Dark Web". Die Ergebnisse sind recht interessant, finde ich: Die überwiegende Mehrheit empfindet die mit dem Dark Web verbundene Anonymität als Bedrohung.

Falls das Thema für Euch neu ist, hier eine kleine Einleitung.

Was neben dem WWW existiert: Dunkel und halbdunkel

Nebst dem über die Suchmaschinen erreichbaren Internet gibt es noch einige andere Alternativen, die von Otto Normalsurfer praktisch nie aufgerufen werden, weil sie nicht so offensichtlich platziert sind. Es gibt beispielsweise das Usenet (Unix User Network), das länger als das WWW besteht und auch heute noch quasi parallel läuft.

In Newsgroups besprechen dort die Teilnehmer mit Klarnamen oder Pseudonym verschiedenste Themen wie in Foren oder tauschen Binärdateien (inklusive unlizenzierte Software und Medien wie Filme und Musik) aus. Für den Normaluser ist das Usenet sozusagen semi-dark, denn ohne einen Newsreader und einen Usenet-Provider sieht man davon nicht viel. Dementsprechend ist die Strafverfolgung auch eher auf Torrentseiten und Filesharing wie MEGA konzentriert, weil dort die Massen unterwegs sind. Der Zugriff auf das Usenet setzt auf einem herkömmlichen Internetzugang über euren ISP auf.

Dann gibt es Tor (ehem. "The Onion Router"), ein Netzwerk das zur Anonymisierung von Verbindungsdaten dient. Ihr installiert auf eurem PC, Mac oder mobilem Endgerät einen Client, der sich mit dem Netzwerk verbindet. Das ist ein bisschen so, wie beim Zugriff auf das eben erwähnte Usenet. Nur hat Tor ein Zwiebelprinzip, kurz gesagt soll eure Identität über eine zufällig gewählte und nach 10 Minuten rotierte Route durch mehrere "Knoten" verschleiert werden.

Der Traffic fließt dabei gemeinsam mit anderen Nutzern und es bildet sich eine schön gemischte Datensuppe, bei der nicht so einfach nachzuvollziehen ist, wer jetzt eigentlich mit seinem Browser/Client welche Adresse aufruft. Das ermöglicht ein gewisses Grundmaß an Anonymität, auch wenn das Grundprinzip angreifbar ist, beispielsweise wenn man den letzten Rechner in der Kette (Austrittsknoten oder Exit Node) der Verbindungen kompromittiert. Für "vollständige" Anonymität benötigt man weitere Technologien wie HTTPS, das globale oder selektive Ausschalten von JavaScript, PGP-Verschlüsselung und solide OpSec-Strategien.

Dark Web: Gegen Zensur und Repression

Im Tor-Netzwerk sehen die URIs etwas anders aus, sie enden in der Regel mit .onion und sehen etwas kryptischer aus. Ihr könnt beispielsweise auch Facebook über Tor aufrufen, die Adresse hierfür lautet https://facebookcorewwwi.onion und ist teilweise auch in Ländern verfügbar, die von Zensur bestimmter Websites betroffen sind. Es gibt keine zentrale Liste oder Suchmaschine für die Seiten im Dark Web, daher ist es tatsächlich so etwas wie das Dunkelnetz, denn ihr müsst einige Anlaufstellen kennen um es zu erkunden.

In der besagten Studie wurde den Teilnehmern kurz erklärt, was das Dark Web umfasst. Es fänden sich dort Journalisten, Menschenrechtsaktivisten und Whistleblower, die solche Dienste bei ihrer Arbeit gegen Korruption einsetzen. Außerdem gäbe es im Dark Web auch Hacker, illegale Marktplätze zum Kauf von Drogen und Waffen sowie Websites mit Inhalten, die von Kindesmissbrauch handeln. Das Dark Web diene auch solchen Menschen zum Schutz vor der Strafverfolgung.

70% wollen, dass es kein Dark Web gibt

In Summe fanden die Teilnehmer wohl, dass die gewährte Anonymität nicht mit den politischen und demokratischen Vorteilen der freien Meinungsäußerung und einem nicht vom Staat nachzuverfolgenden Austausch rechtzufertigen sei - so kann man sich zumindest das Ergebnis erklären. Die Fragestellung ist psychologisch aber auch so aufgebaut, dass am Ende die Drogen, Waffen und Pädophilen im Gedächtnis hängen bleiben, weil zuerst die Vorteile einer solchen "Zone" erklärt werden und danach die Risiken.

Silk Road Screenshot

Silk Road Screenshot vom Oktober 2012

Effektiv ist es so, dass die meisten Drogenkonsumenten keinen direkten Kontakt mit kriminellen Elementen wünschen und beim Postversand über Marktplätze im Dark Web erheblich weniger Menschen zu Schaden kommen - es ist ein verhältnismäßig sicherer Handel, der sich da ereignet. Waffenhandel über das Dark Web wird in der Regel von Sicherheitsexperten als nichtig erwähnt, ein schneller Blick auf die aktuell bekannten Plattformen zeigt auch disproportional wenige Produkte in diesem Bereich. Wer Terror betreiben will, holt sich sein Equipment sicher nicht beim "eBay für Kiffer", diesbezüglich sind mir auch keine Fälle bekannt. Pädophilie ist ein komplexes Problem und wird im kommerziellen, groß angelegten Stil sicher durch das Internet und Dark Web erleichtert. Aber wenn es kein Tor und keine Verschlüsselung gäbe, fänden diese (regelmäßig von der Polizei infiltrierten) Ringe sicher andere Wege für den Austausch.

Proportional sehe ich schlussendlich Vorteile für den Schutz des Bürgers und der Demokratie in dieser Technologie. Ein gewisses Maß an Anonymität ist sicher ein zweischneidiges Schwert, aber die Abwesenheit von Anonymität in unseren digitalen Kommunikationskanälen unter Einfluss des Staates kann man auch als totalitär bezeichnen. Wie sollen Akteure wie Edward Snowden ohne Technologien wie Tor und Verschlüsselung ihre wichtige Aufgabe erfüllen? Was meint ihr dazu?



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  • Tom

    Es ist wie jede Technologie die dem Endverbraucher in welcher Art auch immer dient… Autos bringen den Menschen von A nach B, falsche Autobenutzung tötet Menschen.
    Digitale Medien jedweder Art unterhalten Menschen, falsche Medienbenutzung führt zur Sucht
    Die schönen und interessanten Dinge werden immer dann „vermiesepetert“, wenn einige wenige diese falsch benutzen oder missbrauchen, nicht wenn die breite Masse sie nach ihrem eigentlichen Sinn nutzt.
    Der eine schafft aus Energie Wunder, der andere wenige Waffen. Wollen wir die Energie verbieten ?

  • Sebastian Kiefer

    Wir stehen wohl an einem Wendepunkt.

    Durch die aktuellen Terroranschläge nehme ich gerade einen generellen Stimmungswandel wahr. Unser lieber Herr Innenminister spricht schon davon das Sicherheit wichtiger als der Datenschutz sei.

    Auch die Bevölkerungsmehrheit geht mit dem Thema mehr als fahrlässig um. Überall werden Bilder gepostet, Standorte geteilt oder gar Bewegungsprofile erstellt. Was mit den Daten dann passiert juckt die meisten inzwischen nicht mehr, oder erst dann wenn der Missbrauch vorliegt.

    Ich vermute auch mal das die Studienteilnehmer wahrscheinlich gar keine Ahnung vom Dark Net haben oder nur mäßig darüber aufgeklärt wurden.

    Im Dark Net wird zwar viel Müll angeboten und es sind wohl auch zahlreiche Betrüger und Abzocker unterwegs, dennoch ist es unter diesen Umständen eine Speerspitze für Freiheit und Datenschutz.

    Die Bevölkerungsmehrheit scheint aber inzwischen die persönliche Freiheit gegen ein gewisses „Sicherheitsgefühl“ abzuwägen.

  • Tom

    Man sollte differenzieren welche Daten wirklich schützenswert sind und welche nicht und dann vorbeugen.
    Wenn ich nicht mag, dass ich „getrackt“ werde schalte ich mein gps im Handy ab und leb mit den Konsequenzen.
    Wenn ich meine Gesundheitsdaten nicht teilen mag dann schalt ich es ab und leb mit den Konsequenzen.

    Individualität ist auch ein großes Thema im Datenschutz. Viele der vermeintlich „Empörten unfreiwilligen“ Datenspendern könnten ihren eigenen Datenschutz erheblich erhöhen, wenn sie ihre elektronischen Datenerfasser auch dahingehend beherrschen und einstellen würden.

    Mich stört es zum Beispiel nicht, dass Apple oder die die Apple für meine Daten bezahlen weis, wo ich wann bin und wieviele Schritte ich mache. Dafür nutze ich die Möglichkeit mein Handy im verlustfall orten zu können oder kann sehen wo sich meine Freunde (mit ähnlicher Intention) befinden, ohne vorher erst schreiben oder anrufen zu müssen.

    Technologie ist so individuell, wie der Geist der sie bedient

  • Eduard

    Deinen ersten Abschnitt finde ich supper. Nur Du und ich wissen auch was passiert, wenn man den Ortungsdienst ausschaltet. Ich sehe dies in meinem erweiterten Kollegenkreis sehr stark. Da wird jedesmal wenn wir über das Thema Datenschutz reden gesagt. Ich habe ja nichts zu verbergen sollen die doch so lannge wie sie wollen meine Daten speichern. Ich glaube aus diesem Grund, dass die „normal Sterblichen“ keine Ahnung haben, was Daten überhaupt sind und was mit diesen alles gemacht werden kann. Aufklärung wäre hier von nöten und dies bereits in den frühen Jahren. DIes sollte Teil der Schule werden um die Kinder zu sensibilisieren.

  • Sebastian Kiefer

    Ja, so sehe ich das auch. Aufklärung ist der beste Weg.

    Viele derer, die sich heute bei Cloud und anderen smarten Diensten anmelden, sind sich den damit verbundenen Gefahren gar nicht bewusst.

    Ich sehe es auch wie Tom, dass ich individuell bestimmen möchte, welche Daten von mir erfasst werden können. Dazu muss natürlich auch der Kosten-Nutzen Effekt stimmen.

    Das viele Dienste jedoch automatisch aktiviert werden, wenn man sich erstmals bei einem Dienst anmeldet, sehe ich jedoch kritisch.

    Außer uns Tech-Nerds macht sich doch nicht wirklich jeder Gedanken darüber was es eigentlich für automatische Konsequenzen haben kann, wenn man sich beispielsweise in der Cloud anmeldet.

    Die Annehmlichkeiten die die digitale Welt mit sich bringt, ist für viele ein Vorwand jegliche Privatsphäre zu opfern. Teilweise eben auch oft unwissend…



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