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Flappy Bird und flapsiger Journalismus

Flappy Bird und flapsiger Journalismus

Irgendwie gleichzeitig traurig, faszinierend und kurios: Flappy Bird ist der Anlass für unzählige Headlines in sämtlichen Online-Medien - auch das Wall Street Journal mischt mit. Wie im stets hervorragenden Bits und so Podcast ebenso diskutiert wurde, scheint die Aufmerksamkeit der Medien und User nicht nur vom reinen Download-Erfolg des mittlerweile als Kultspiel zu bezeichnenden Microgames gesteuert worden zu sein.

Es hat auch viel mit dem Beitrag von Ellis Hamburger bei The Verge zu tun, der an erster Stelle die besagten 50.000 US-Dollar für Werbeeinnahmen festlegte. Diese Zahl basiert auf einem Interview aus erster Hand, es handelt sich um eine Aussage des Entwicklers. Ab hier ging die Talfahrt für Nguyen auch los, der irgendwann keine Lust mehr auf das ganze Drama hatte. Verständlich, wenn trotz hervorragender interner Fortschritte in Vietnam 12 Prozent der Bevölkerung noch immer unter der Armutsgrenze leben und der Mindestlohn für einen Monat bei umgerechnet 93,74€ liegt.

Nach dem Posting bei The Verge wurde alles wiedergekäut und mit Querverweisen in Verbindung gebracht, dramatisiert und bis zum bitteren Ende ins Rampenlicht gestellt. Warum auch nicht? Es ist ein interessantes Phänomen im App Store, das es so noch nicht gegeben hat. Etwas geschmacklos fand ich hingegen, dass sogar in Beiträgen, die vom "Ich kann nicht mehr" des Entwicklers berichtet wurde, die Rede vom Warten auf Antworten für ein Interview mit Ngyuen war. Die Kollegen haben wohl auch nichts mehr gemerkt, oder?

Dabei sind auch 50.000 US-Dollar am Tag kein Kracher, wenn man in den obersten Charts des App Stores mitspielt. Spitzenmäßige Geldausquetscher bringen nämlich täglich mehr als eine Million Dollar ein, wie es beim Freemium-Titel Clash of Clans der Fall ist. Supercell hat zu besten Zeiten in 2013 auch mal geschmeidige 2,4 Millionen US-Dollar am Tag mit den 8,5 Millionen aktiven Spielern verdient (Hay Day und Clash of Clans decken zufälligerweise alle fast alle Fronten an Zielgruppen ab). Insgesamt hat Supercell $892M Umsatz in 2013 generieren können, davon sind 464 Millionen Dollar Brutto-Gewinn. Statt Geld für praktische Apps auszugeben, leihen viele Kunden offenbar lieber den virtuellen Süßigkeiten und Boostern den Geldbeutel.

Flappy-Birds

Schlussendlich ist dann aber wohl der Rahmen gesprengt, den sich Otto Normalverbraucher in monetären Größenordnungen vorstellen kann. Aber 50 Riesen am Tag, das können sich viele wiederum vorstellen - leider auch in Twitter-Todesdrohungen verpacken und an Nguyen schicken. Dass Geld in dieser Größenordnung auch nicht ewig währt und bitter versteuert werden muss, will man am Stammtisch natürlich überhört haben.

Ob die Herren bei Supercell auch mit so vielen Hatern zu kämpfen haben? Sie haben auf jeden Fall das dickere Fell im Team und das finanzielle Polster für Anwälte. Mal sehen ob Nguyen sich aus der ganzen Geschichte noch etwas aufbaut, oder (freiwillig) für immer von der Bildfläche verschwindet. Ich würde es ihm jedenfalls wünschen, dass er wenigstens noch eine kleine Rente aus der Sache holen kann. Anderen Menschen den Erfolg mit ihren Projekten, seien sie noch so inspiriert von anderen Quellen (everything is a remix), einfach nicht gönnen zu wollen - das muss doch nicht sein.

Hier noch ein köstlich amüsanter Tumblr zu "Think Pieces", journalistischen Meisterleistungen aneinanderreibender grauer Zellen in Premiumlänge, zu einem Spiel das an zwei oder drei Tagen programmiert wurde: Flappy Bird Think Pieces.

Was meint Ihr denn dazu? Ist die rege Berichterstattung über Flappy Bird ein Anzeichen der mittlerweile in Kraft getretenen Idiokratie, oder vielmehr das Echo dessen, was sich Leser als Unterhaltung wünschen?


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