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„Frankenburger“-Verkostung: Rindfleisch aus dem Reagenzglas

„Frankenburger“-Verkostung: Rindfleisch aus dem Reagenzglas

Seit geraumer Zeit verfolge ich gespannt das Projekt einiger Forscher an der Universität Maastricht, an der ich auch mein Studium absolvierte. Es geht um Fleisch. Genauer gesagt um Fleischproduktion ohne Schlachtung, denn hier werden Burger aus Stammzellen erzeugt, die im Endprodukt aus blassen Muskelfasern (da kein Blut anwesend ist) und natürlichen Zutaten bestehen. Cultured Beef heißt das Produkt.

Ein bisschen Rote-Beete-Saft, Semmelbrösel und organisches Bindemittel - liest sich beinahe wie die Inhaltsstoffliste eines Veggie-Burgers mit Seitan oder Soja-Eiweiß. Aber anders als das Mensa-Essen der medizinischen Fakultät in Maastricht wird sich dieser Burger von Dr. Posts Team sicher nicht auf zahlreichen Tellern einfinden, oder gar in rauen Mengen produziert werden.

Denn ein Burger-Patty mit 140 Gramm halbkünstlichem Rindfleisch (eine Frikadelle, wenn man es so richtig eingedeutscht und kulinarisch nicht ganz korrekt formulieren möchte) kostete mal eben schlappe 250.000€, vorausgehende Forschung inklusive. Die Finanzen dafür stammten von keinem anderen als Sergey Brin, dem Cyborg-Mitbegründer von Google in Mountain View.

Ineffizienz, Problembelastung und wachsende Lust auf Fleisch

Dass Viehzucht alles andere als ineffizient ist, möchte die fleischkonsumierende und -begeisterte Bevölkerung natürlich nicht hören. Ganze 100 Gramm pflanzliches Eiweiß muss eine Kuh verzehren, damit sie am Ende 15 Gramm Muskelmasse "abliefert".

Das bedeutet also gleichzeitig, dass wir für dieses pflanzliche Eiweiß (beispielsweise Sojamehl aus der Sojabohne und Hülsen) den nötigen Treibstoff in den Anbau investieren (Traktoren, LKWs und sonstige Maschinerie), reichlich Wasser dafür verwenden das anderswo besser aufgehoben wäre und das "überarbeitete" Vieh noch mit Antibiotika, Wachstumshormonen und gelegentlich seinen Artgenossen in Pulverform vollstopfen.

Klingt nicht sehr schlau? Ist es leider auch nicht. Hinzu kommen die leider nunmal düsteren Bedingungen in der Massentierhaltung, die für eine reibungsloses Funktionieren etwa Dinge wie "Kükenmuser" (praktisch eine Brei-Presse für männliche Küken, die sich nicht zum Mästen mit großer Marge eignen, auch in der Bio-Branche vertreten. Alternativ auch als Küken-Gaskammer oder einfach als Plastikmüllbeutel vorzufinden) oder präventive Amputationen der Schwänze und/oder Ohrenspitzen zum Schutz vor Angriffen zwischen Mastschweinen (aufgrund von Platzmangel entsteht irgendwann Aggression).

Die ökonomischen Implikationen sind Nahrungsknappheit und CO2-Ausstoß, bis 2050 wird der projizierte Fleischbedarf unseres Planeten auf über 166% des aktuellen Werts angestiegen sein, bzw. um mehr als zwei Drittel ansteigen. Weitere Details zum Projekt und dem Hintergrund finden sich im fact sheet.

Ja, und wie hat dat Ding denn nun jeschmeckt?

Chefkoch Richard McGowan bereitete den Petri-Schalen-Burger zu, Gastrokritiker Hanni Ruetzler und Josh Schonwald haben ihn schließlich verkostet, wobei sie sich eigentlich nur auf das Fleisch beschränkten. Abgesehen davon dass Salz und Pfeffer fehlten, verfügte das Bratstück laut den Angaben der Verkoster über eine exquisite Struktur und Konsistenz, die der Perfektion nahe war.

Der Geschmack ist logischerweise nicht derselbe: Dem Burger aus der Retorte fehlt nämlich gänzlich das Fett, denn dieses wurde nicht mitgezüchtet und lediglich ganz normal bei der Zubereitung eingesetzt. Aber das erste Ergebnis ist eben auch im Geschmack sehr nah an Fleisch, es fällt nicht auseinander und zeugt von den Qualitäten, die Mensch bei solchen Speisen zu schätzen weiß.

http://www.youtube.com/watch?v=Ksd8mEdhmQk

Implikationen der Fleischzucht ohne Vieh

Wenn sich aus einigen Stammzellen einer Kuh mehrere Tonnen Rindfleisch erzeugen lassen, die auch noch gut schmecken, frei von unnötigen Fetten sind und effizient gewonnen werden - why not? Hier offenbart sich die Möglichkeit, das ökologische und ökonomische Schicksal unserer Gesellschaft gerade noch so vor dem Entgleisen zu bewahren, bevor die Weltpopulation ihren Wachstumsgipfel erreicht.

Auch kulinarische Qualitäten offenbaren sich hier: Exotische und aufgrund von Artenknappheit bedingte Fleischarten ließen sich mit derselben Technologie irgendwann kosteneffizient und mit größerer ethischer Akzeptanz erzeugen.

Was sind die Spätfolgen des Petrischalen-Muskel-Naschens? Das wissen wir heute noch nicht, aber ein sich konventionell ernährender, westlicher Mensch hat in seiner Laufbahn ausreichend Pestizide, Hormone, Antibiotika und mitunter genetisch veränderte Lebensmittel zu sich genommen, die ebenso wenig rigorosen Langzeitstudien unterliegen und weitaus finstereren ökonomischen Motivationen entspringen. Das macht das Risiko keineswegs geringer, aber mit dem passenden Hintergrundwissen garantiert tolerabler als viele Supermarktprodukte.

Was meint Ihr denn dazu? Was würdet Ihr denn mit einem mechanisch trainierten Muskelstrang so kochen? Habt Ihr eigentlich den Dokumentarfilm "Earthlings" (von Joaquin Phoenix vertont) gesehen?


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