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Lepht Anonym: Das transhumane Wesen mit den selbstgestrickten Implantaten

Lepht Anonym: Das transhumane Wesen mit den selbstgestrickten Implantaten

Soeben kam ich über den Twitter-Feed einer Reporterkollegin aus der UK von einem eigentlich uralten Talk vom 27C3-Kongress in 2010, der von einem Cyborg-Mädel bzw. genderless Cyborg gehalten wurde. Der/Die/Das Vortragende/r, Lepht Anonym, spricht von ihren (ab hier adressiere ich Lepht einfach mal als eine "Sie", sonst wird es mir zu kompliziert) selbstgemachen Implantaten im Feld der sensorischen Erweiterung. Im knapp 40 Minuten langen Talk erzählt sie nicht nur ein wenig von der Vorgeschichte, sondern von mehreren ihrer Experimente. Zum Zeitpunkt des Talks war sie Informatikstudentin und wohl ziemlich blank, daher basieren ihre Methoden auf Budget-Methoden. Aktuell ist sie wohl Forschungsassistentin in Schottland und im August wurde ihre Story bereits von Wired und The Verge in Feature-Artikel eingebunden, aufgrund der Kuriosität der Geschichte und meinem Faible für Transhumanes ist Lepht jedoch auch hier nochmal eine Erwähnung wert.

Sie beschreibt ihre Implantate als Verwandte oder Abzweigungen der haptischen Sinneserweiterungen auf technologischer Basis. Was ist unter letzterem Konzept zu verstehen? Ihr kennt doch sicherlich diese kleinen Vibrationsmotoren in Gamepads, die euch bestimmte Reize vermitteln sollen, ohne dabei auf Akustik oder Optik zurückgreifen zu müssen. In diesem speziellen Fall handelt es sich bei der Sinneserweiterung mehr um eine Simulation, schließlich werden meist virtuelle Erschütterungen auf diesem Wege für den Spieler greifbar, also haptisch gemacht. Nun gab/gibt es auch Spiele wie Ocarina of Time, wo die Vibration des Controllers eher wie ein siebter Sinn eingesetzt wurde. Und genau das ist das Feld der sensorischen Erweiterung, in welchem sich Lepht bewegt. Sie ist also an transhumanen Sensoren und Zusatzmodulen interessiert, die ihre eigenen Sinne erweitern oder sonstwie ihren Körper “verbessern”. Unsere Nerven funktionieren im Groben ungefähr so wie elektrische Schaltkreise und können mit niedrigen Spannungen aktiviert oder mit höheren Spannungen zu ziemlichen Schmerzen gebracht werden. Das macht eine Verbindung von Technologie und, nunja, unserem Fleisch möglich.

Jetzt schreien bei einigen Menschen wahrscheinlich bereits die inneren Kritiker auf, die Einsprüche wie “aber das ist doch widerlich!” oder “wie kann man nur soetwas Unnatürliches mit seinem gottgegebenen/natürlichen/heiligen/tollen/evolutionsbedingten Körper machen?” erheben und euch vielleicht auch zu ähnlichen Äußerungen bewegen wollen. Vielleicht meldet sich auch euer innerer Geek, der die Idee von beschleunigter Evolution durch Biotechnologie oder Wetware-Hacking / Grinder ziemlich interessant findet. Ob die Position des Transhumanismus, der philosophischen Denkrichtung die einen schier unendlichen Fortschritt für unsere Spezies auch auf technologischem Wege vorsieht, in irgendeiner Form vertretbar ist, muss wohl jeder selbst für sich entscheiden. Was andere Leute mit ihrem Körper anstellen, ist immerhin noch deren Bier und sollte nicht fremdbestimmt werden.

Lepht, oder wie auch immer sie wirklich heißt, hat sich jedenfalls den Experimenten am eigenen Körper verschrieben. An ihrem Körper sind auf den ersten Blick mehrere Tattoos zu finden, außerdem finden wir Bücher wie Neuromancer und das Schweigen der Lämmer auf ihrem Blogger-Profil. Ihr Twitter-Account ist voller Äußerungen, die sich auf ihre geschlechtsfreie und manchmal auch etwas abwertende Selbstwahrnehmung berufen und irgendwie auch ein wenig nach Aufmerksamkeit ringen. In der Liste ihrer aktuellen Medikamente findet sich unter anderem auch Escitalopram, was wohl eher weniger mit antiseptischen Wirkungen wegen der Implantate zu tun hat, es handelt sich dabei um ein Antidepressivum für Menschen mit Angststörungen oder starken Depressionen. Außerdem haut sich Lepht zur Stillung von Schmerzen wohl häufig Präparate aus dem Bereich der synthetischen Opiate rein und hat auch sonst reichlich pharmazeutische Helferlein am Start. Ihre Eingriffe am eigenen Körper führte sie laut der damaligen Präsentation zumeist ohne chemische Anästhesie aus, stattdessen nutzte sie Eisbeutel und stahlharte Nerven. In einem späteren Blogpost war allerdings noch von Lidocain die Rede.

In ihrem Talk auf dem 27C3 könnt ihr ein wenig von der Vorgeschichte, ihren ersten RFID-Implantaten und schließlich von den Neodymium-Magneten in ihren Fingerkuppen erfahren. Anhand dieser kann Lepht tatsächlich elektromagnetische Felder von allerhand Geräten "fühlen" und auch räumlich (aufgrund von mehreren Sensoren bzw. Magneten in jeweils mehreren Fingern) wahrnehmen.

Außerdem geht es darin um ihr jüngstes Projekt, einen körperinternen Kompass, der über Feedback in ihrem Unterschenkel den Weg nach Norden weisen soll. Die Idee für letzteres Projekt entspringt übrigens einem bestehenden, noninvasivem Gadget namens North Paw, das sie in ihrer "South Paw"-Ausführung für die Integration in ihren Körper anpassen wollte. Inwieweit der Status dieses Projekts sich nun verändert hat, lässt sich nicht direkt in ihrem Blog sehen. Das letzte Mal hat sie jedenfalls das Northpaw Tag im Oktober 2010 verwendet.

Was haltet ihr denn von Leph's Projekten, DIY-Cyborgs, Transhumanismus und dergleichen? Wenn ihr die Thematik spannend findet, verpasst nicht das verlinkte Material hierunter, der Artikel bei The Verge ist äußerst ausführlich und unterhaltsam.

via Emily Gera
auch vertreten bei The Verge, Wired, Grinding.be


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