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Rayman Legends: Den Seitensprung wert!

Rayman hat mich vor Rayman Origins so gar nicht interessiert, irgendwie war mir das Franchise schon immer etwas zu nah an Games mit Mario, aber dann nicht ebenbürtig genug. An den Charme der beiden Nintendo-Klempner kommt dieser identitätsarme Armlose mit seinem Goldschopf auch bis heute nicht heran. Dafür zeigt seine Welt mitsamt der damit verbundenen Engine der Konkurrenz bei Nintendo, wie so ein Platformer auszusehen hat. Malerisch, frei von Treppchenbildung und mit einer Prise Disney-Animation versehen.

Doch nicht nur die UbiArt-Engine in ihrer aktualisierten Ausführung (und Pracht!) zeigt Nintendo, wo hier der Jump and Run Hammer hängt. Rayman Legends ist aus musikalischer Sicht und hinsichtlich des Sound Designs haushoch überlegen, jede Interaktion im Spiel verfügt über instant-ikonische Laute, die nicht über Generationen hinweg wiederholt und aufpoliert wurden.

Versteht mich nicht falsch: Das Mario-Franchise ist nicht ohne Grund Kult, aber die andere Präsentation von Rayman Legends ist eine erfrischende Abwechslung, die mit den orchestralen Hintergrundmusikstücken in ganz neue Höhen gehoben wird. Außerdem sind die gequälten Hilfeschreie der fiepsingen Kleinlinge einfach herzerweichend und ein Grund mehr, sie mit einem wohlgezielten Kick zu befreien.

Es gibt so richtig was auf die Ohren: Musiklevels

Und das fasst noch nicht mal die Guitar-Hero-meets-Platformer-Erlebnisse ein, die sich am Ende einer Welt als Belohnung für geplättete Endgegner und befreite Kleinlinge öffnen. In perfekter Synchronisation mit der Musik werden dort Choreographien orchestriert, die auf mehreren Ebenen ein erfüllendes Gamingerlebnis darstellen. Optisch wird eine Mischung aus Parkours und Kampf geboten, bei der Ihr euch (bei Gelingen) wie ein Ninja hindurchjagt, akustisch trifft der korrekte Tastendruck auf das musikalische Timing und bereitet auf Umwegen die anfängliche Freude beim Erlernen von Musikinstrumenten, humorvoll sind schließlich die albernen Darbietungen der Feinde und die wunderbar überzogenen Leveldesigns beim gleichzeitigen Run gegen die Zeit.

Steuerung im Vergleich zu klassischen Nintendo-Platformern

Was unterscheidet Rayman Legends nun von Mario, fragen die Unitiierten. In groben Zügen lässt sich zusammenfassen, dass die Sprungmechanik anders funktioniert, denn ihr habt einen Doppelsprung mit abschließendem Gleitmodus zur Verfügung, was riskantere Manöver ermöglicht. Auf dem Boden reagieren die Charaktere weniger schlitterig, können aber genauso wie Mario entweder gehen oder rennen.

Shoot-Em-Up-Sequenzen lockern das Spiel auf

Abbrems-Sprünge wie bei Nintendo-Platformern mit Wende in die Gegenrichtung gibt es nicht - dafür reichlich Gelegenheiten für halsbrecherische Walljump-Sequenzen. Die herkömmliche Attacke kann aufgeladen werden, um beispielsweise größere Distanzen zu überbrücken. Außerdem bietet sich die Schmetterattacke für Luftangriffe und schnelle Fortbewegung an. Insgesamt ist Rayman als erheblich vertikaler zu beschreiben, mehrere Level erfordern die Kontrolle über in Luftströmen schwebenden Charakteren. Während diesen Passagen dient die Sprungtaste als Propeller-Regeler, oder im übertragenen Sinne als Höhenruder. Es geht aber nicht immer aufwärts: Besonders genial fanden wir bei unserem ausführlichen Test auch die Level, bei denen es über längere Strecken abwärts in einen Abgrund geht, quasi ein Basejump mit Items, Gegnern und sich nähernden Stachelwänden.

Schwierigkeitsgrad und Ziele bei Rayman Legends: Ein breites Spektrum

Wie schwer ist das Spiel? As hard as you make it. Rayman Legends ist gleichermaßen für Speedrunner, Veteranen, Irre Hardcore-Gamer und Platformer-Vollpfeifen sowie Einsteiger geeignet. Ein Levelabschluss mit beliebiger Punktezahl ist schnell erreicht, das Potenzial zur Perfektionierung ist gleichzeitig sehr groß.

Alle Lums (Sonnenwesen, die entweder mit einfachem Wert oder doppeltem Wert aufgesammelt werden und ähnlich häufig auftauchen, wie Münzen in Mario-Teilen) im lilanen Zustand für die maximale Punktzahl aufzusammeln, alle für Levelfreischaltungen notwendigen Kleinlinge zu befreien, nicht zu sterben und dabei noch cool auszusehen und elegant durch die Level zu flutschen ist keine einfache Sache. Dabei gibt es keinen wirklich bestrafenden Tod in Rayman Legends. Normale Gegner stellen keine Herausforderung dar, die Endbosse sind dafür mittelschwer und angenehm balanciert, kein Vergleich zu den albernen Pseudobossen aktueller Marios.

Wer stirbt, kann unbegrenzt oft wieder am nächsten Checkpoint anfangen, die Farce der mittlerweile nahezu unbedeutenden 1UPs existiert hier nicht. Klingt langweilig? Ist es interessanterweise nicht. Die Erfüllung aller Ziele bleibt trotzdem eine Herausforderung, während die kostbare Zeit des Spielers nicht mit unerwünschter und unnötiger Repetition vergeudet wird.

Auf Butter durch das Super-Meatboy-ähnliche Level schlittern

Im Multiplayer-Modus geht es wie bei Mario zu: Wird einer der Charaktere fatal verletzt, befindet er sich kurz darauf in einer Seifenblase, die vom anderen Spieler zum Zerplatzen gebracht werden muss. Stirbt der verbleibende Spieler vorher, ist ein Respawn am letzten Checkpoint angesagt, der meistens nicht weit entfernt liegt. Richtig knackig sind vor allem die Speedrun-Stages, die in Form von "heimgesuchten" Leveln auftauchen. Dort muss das Ziel innerhalb einer vorgegebenen Zeit erreicht werden, um möglichst alle drei Kleinlinge mitzunehmen, was fast nie in einem Anlauf zu schaffen ist.

Das eigentliche Erreichen der Ziele orientiert sich am Vorbild: In einer Overworld sehen wir eine Reihe von Gemälden (Super Mario 64, anyone?) die jeweils eine Welt darstellen. Darin verschachtelt ist jeweils ein weiterer, einzelner Gang mit Bildern, von denen jedes ein Level repräsentiert und erst mit Kleinlingen freigeschaltet werden muss. Von den kleinen blauen Wesen finden sich einige offensichtliche Exemplare in den Leveln, einige sind sozusagen in Suizidsituationen und müssen aus diesen befreit werden, mindestens zwei finden sich pro Level in versteckten Räumen mit abweichender Spielmechanik. In den versteckten Zimmern wird manchmal Fußball gespielt, ein besonderer Parkours absolviert oder das GamePad auf kreative Art und Weise genutzt.

Stachelranken

Zusätzlich zu den zahlreichen Stages im Hauptspiel, finden sich in Rayman Legends auf der Wii U auch 40 Level aus dem Vorgänger Rayman Origins, die eine kleine Schicht Politur erhielten. Wer die Prequel-Level alle spielen möchte, muss in jedem der Hauptspiel-Level eine ausreichende Anzahl von Lums sammeln, um ein Rubbel-Los freizuschalten. Lose werden auf dem GamePad per Touch-Steuerung freigerubbelt und bescheren dem Spieler entweder Boni, neue Origins-Level oder "Kuscheltiere", nicht hübsche aber dafür seltene Tiere für die Sammelkammer, die netterweise die Lum-Währung auf Tagesbasis produzieren.

Charakterauswahl

GamePad-Einbindung par Excellence: Murphy muss auch mal ran

Eines der Highlights der ausgezeichneten Wii U Version ist die Nutzung des GamePads, dem Herzstück der Nintendo-Innovation dieser Konsolengeneration. Ein Schnellmenü erleichtert die Navigation durch die Overworld und teleportiert den Spieler an Schlüsselstellen, besagte Lose werden mit dem Finger oder Stylus freigerubbelt und das Spiel kann im TV-Aus-Modus vollständig ohne Glotze gespielt werden.

Der Wechsel in den reinen GamePad-Modus ist übrigens jederzeit möglich, nicht nur zum Anfang. Wird der Fernseher anderweitig genutzt, kann sich der mittlerweile süchtige Spieler einfach Kopfhörer aufsetzen und angenehm weiterzocken. Die Auflösung des Wii U GamePad ist gerade genug, um mit minimalen Abstrichen an der Darstellung des Artworks weitermachen zu können - dem Spielspaß tut es jedenfalls keinen Abbruch. Außer dem GamePad werden übrigens so ziemlich alle Controller angeboten, die Nintendo in den letzten Jahren auf den Markt geworfen hat - inklusive Wii Classic Controller und Wii U Pro Controller.

Vom Gimmick zum Controller hebt sich das Wii U GamePad allerdings erst ab, wenn ihr die Kontrolle über Murphy übernehmt, dieser seltsamen Froschfliegenkreatur da. Murphy ist ein reiner Support-Charakter, was bedeutet dass im Single-Player die manchmal etwas dumpfbackige KI des Spiels die Kontrolle über den Hauptcharakter übernimmt. Mit ein bisschen Übung lässt sich aber der passende Umgang finden, im Multiplayer hingegen ist das völlig wurscht, denn hier verwandelt sich einer der bis zu 5 möglichen menschlichen Spieler mit seinem Charakter komplett in Murphy.

Murphy übernimmt auch mal die Gravitation

Murphy kann Wege schaffen, indem er sich durch mexikanische Süßigkeiten in Mammutgröße mampft und damit temporär Tunnel erzeugt. Weiter kann er Gegner immobilisieren und betäuben, größere Gegner kitzeln und neue Pfade eröffnen, indem er schwere Holzblöcke in Burgen umherwuchtet, auf denen die anderen Spieler ihren Weg durchs Level bahnen. Berührt der Spieler mit Murphy die aufzusammelnden Lums, verpasst er ihnen einen lilanen Farbton, der den Wert verdoppelt und ansonsten nur mit einer bestimmten Aufsammelreihenfolge zu erreichen wäre. Berührt Murphy andere Elemente der Spielwelt, beispielsweise aufgeblasene Pflanzenteile mit Trampolinwirkung, werden weitere Lums generiert. Die Funktionen von Murphy werden im ständigen Wechsel gefordert und bringen jede Menge Spaß mit sich, weil die anderen Spieler das Tempo bestimmen und den Supporter ganz schön ins Schwitzen bringen können, wenn beispielsweise dutzende Feuerbälle entschärft und Plattformen parallel verschoben werden wollen.

Auf der Xbox 360 und der PS3 wird Murphy von der KI gesteuert, dort wird lediglich seine Aufmerksamkeit auf bestimmte Partien gelenkt.

Nebst Murphy, den winzigen Kleinlingen (Teensies) und Rayman in drölftausend Ausführungen gibt es einen trotteligen großen Charakter namens Globox, der auch mal im Luigi-Kostüm freigeschaltet werden kann. Außerdem steuern Spieler einen neuen weiblichen Charakter namens Barbara und ihre Schwester, alle Charaktere tauchen in verschiedenen Outfits auf, die in Rettungsmissionen erspielbar sind. Boss-Fights sind oft so ausgelegt, dass zwei Spieler eine jeweils eigene Position einnehmen können, was zu cooler Kooperation führt.

Der Aufschub und die Exklusivität: Böser, böser Publisher Du

Eigentlich sollte Rayman Legends im November 2012, nahe dem Launch der Wii U herauskommen, leider wurde das Game auf der Basis einer Business-Entscheidung zwei Mal verschoben. Schließlich kamen wir beim September 2013 an, die Exklusivität wurde aufgehoben und der Termin mit den anderen Konsolen abgeglichen. Ubisoft hat zwar mehr Scheine in der Tasche, aber auch einige (mit dem mageren Launch der Wii U vermutlich vernachlässigbar wenige und nach guten Spielen ausgehungerte) Fans kräftig verärgert.

Quietschbunt

Die Verzögerung brachte die kostenlose Challenges App in den eShop, die übrigens nahtlos in das Retail-Spiel überwandert, sobald ihr das erste Mal einsteigt. Der Challenge-Modus bleibt Exklusiv für die Nintendobürger, die täglich und wöchentlich an weltweiten Herausforderungen mit Online-Leaderboards teilnehmen dürfen. Neue Level, Gegner und massig Politur kamen aufgrund der Verzögerung hinzu, auch ein Assassin's Creed IV Kostüm für den Barbara-Charakter und die Mario & Luigi Kostüme für Rayman bzw. Globox.

Hat sich der ganze Ärger gelohnt? Jahaaaa.

Der gigantische Umfang der Level, das liebevolle Artwork mit Animationen nach Hausmacher-Art, das charmante Gameplay voller Humor und Slapstick, das durchdachte Level- und Sounddesign mit furzenden Trampolinbällen, die reibungslose Spielmechanik, die knackige Steuerung, die einzigartigen Features und die fast auf allen Ebenen Mario abhängende Innovation im Platformer-Genre macht Rayman Legends zu einem Pflichtkauf für jeden Wii U Besitzer. Es gibt ja auch nicht viel Auswahl im Moment, aber Rayman Legends ist trotzdem alles andere als ein Trostpflaster. Das Spiel ist ein absoluter Volltreffer und lässt schnell die zähneknirschen-provozierende Geschäftsentscheidung eines an der Bottom-Line orientierten Publishers in Vergessenheit geraten. Gut, dass wir das noch mal erwähnt haben.


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Bewertung

Spielspaß
10
GamePad-Nutzung
8.5
Grafik
10
Abwechslungsreichtum
10
Zugänglichkeit und Schwierigkeitspotenzial
9
9.5

Meisterwerk

Man möchte es eigentlich schon fast als Genrekönig bezeichnen: Rayman Legends begeistert jung und alt, hängt Mario in Punkto Artwork und Grafik mit Leichtigkeit ab und zergeht auf der Zunge. Das Gameplay ist fordernd, entspannend, nie frustrierend und stets ein Garant für Lacher, vor allem im Multiplayer. Kaufen!

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