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Dokumentation: Sakawa, Internetbetrug aus Ghana

Internetbetrug in Westafrika ist das Thema der obigen VICE-Dokumentation, die von den typischen Scam-Mails handelt, wie wir sie fast alle kennen. Ehrlich gesagt dachte ich, dass die “Nigerian Prince” Betrugsversuche nicht wirklich aus Afrika kämen, sondern lediglich die Idee von irgendwelchen verrückten US-Internetmarketern mit kriminellen Machenschaften wären. Vielleicht sind sie das auch zum Teil.

Die Dokumentation zeigt zunächst die Unmengen an Computerschrott, die auch aus Deutschland auf den Kontinent verfrachtet, dann ausgeschlachtet und verbrannt bzw. eingeschmolzen werden. Neben Kupfer gibt es nur wenige Dinge, die bei dieser ineffizienten Recyclingform lukrativ wiedererlangt werden. Seltener gibt es ganze, funktionierende Bauteile die in Kombination wieder zu einem ganzen Rechner werden. Das Bewusstsein um das Internet ist in Ghana stark vertreten - über die Web-Anbindung via UK und zahlreiche Werbeplakate kommt der Ghanaer gar nicht um Computing und Web herum.

Kulturwissenschaftlich spannend ist vor allem die Kombination von Magie, Okkultismus und E-Mail-Scams (Scam = Betrugsschema), die sich in Ghana entwickelte. Sprituelles Scamming mit Wirtschaftskriminalität-Hintergrund - das klingt doch völlig verrückt, oder?

Ein Freund, ein guter (Brief-)Freund

Aus dem uralten und noch papierbasierten Pen Pal Scam (Ein “Brieffreund” in einem wohlhabenden Land erhält ein Schreiben mit verlockendem Investmentangebot oder einer Geldbitte) wurde schnell ein modernes Verfahren auf Basis von elektronischer Post. Opfer werden um eine, im Verhältnis zum versprochenen Profit, kleine Überweisung von hunderten bis Tausenden von Dollar geboten. Der Lockstoff dahinter ist die Aussicht auf ein großes Vermögen, das nur darauf wartet “freigegeben” zu werden oder sonstige Barrieren zu überwinden. Manchmal werden die angebotenen Reichtümer auch erst im Ausland zugänglich, oder ein Thronerbe/Prinz hat eine mitreißende Leidensgeschichte zu erzählen. Diese Sorte von Geschichte also.

Internethexer

Die Magie bzw. stammesschamanistische Einflüsse kommen ins Spiel, wenn es um die “Ernte” geht. Ghana’s Internetkriminelle lassen ihre Betrugsbriefchen von Spirituellen absegnen und hoffen somit auf einen besseren Ertrag. Gar nicht so unplausibel, wenn man bedenkt wie viele Bürokräfte hierzulande ihren Rechner anbeten/verfluchen, sobald Word nicht mehr reagiert und das lange bearbeitete Dokument ungespeichert geöffnet ist.

Die Regierung geht gegen Sakawa vor

Die Komplexität und Lukrativität der Scams in Ghana lässt die Versuche aus Nigeria (mit den leidenden Prinzen Stories) lächerlich dastehen. Die Praktik namens “Sakawa” bedient sich der Hexerei, einer Prise Cyberpunk und einer Menge Missmut für die dümmeren der Reichen aus den Staaten und Europa. Involvierte Juju Priester und Trickbetrüger sehen ihre Praktik als gerechtfertigt an - immerhin habe der Westen sie von ihren kostbaren Ressourcen und Bodenschätzen befreit und langfristig ausbeuterische Systeme gesät.

modernes “Internetmarketing” in allen Geschmacksrichtungen

Sakawa besteht aus den unterschiedlichsten Online-Betrügereien und kann beispielsweise auch in Form eines sogenannten Romance-Scam auftreten. Dabei sucht der Betrüger im Netz ein nettes Bildchen heraus und verführt das nichtsahnende Opfer zu einer Internetromanze, die relativ einseitig verläuft: Der Empfang einer Überweisung ist das Ziel. Was recht durchschaubar und albern erscheint, läuft für einige Sakawa-Experten ziemlich ertragreich und finanziert bisweilen sogar ein Studium.

Der Shopping-Scam umfasst ein anderes, fieses Prinzip: Mit gestohlenen Kreditkarten werden Produkte online gekauft, die sich irgendwo im Westen an gutgläubige Kunden günstiger verticken lassen. Ein vermeintliches Schnäppchen wird also nie beim Verkäufer bezahlt und der Empfänger darf sich über Post freuen - der Sakawakünstler ist bereits längst aus dem Staub.

Diverse kreative Variationen von Sakawa finden früher oder später ihre naiven Opfer - doch die (vermutliche) Naivität der Scammer ist noch interessanter: Der Glaube an Schwarzmagie, bizarre Juju-Rituale und deren Auswirkungen auf unsere materielle Welt ist so fest verankert, wie die homophobe Weltanschauung des Westboro Baptist Church. Im Kontrast zu den “God Hates Fags” Idioten aus den Staaten glauben hier jedoch auch studierte Menschen an die Macht dieser bizarren Riten.

Traditionelle Gottheiten im Juju-Bereich sollen moralisch gleichgültig in Bezug auf die Welt der Sterblichen sein - hauptsache sie werden für ihre Magie irgendwie bezahlt, sei es mit einem Hühneropfer oder Eierwerfritual. Wer seinen Juju-Priester nicht für die positiven Nebenwirkungen des Rituals vergütet, wird von schlechtem Glück, AIDS [sic] oder verschiedenen Unannehmlichkeiten in Form von Geldeintreibung oder gar erzwungener Metamorphose in Schlangen, Hunde und Ziegen verfolgt. Diese Geschichten dienen übrigens nicht nur der Abschreckung von zahlungsunwilligen Priesterkunden, sondern auch der Sakawaprävention durch Behörden und religiöse Institutionen. Hier ein unglaublich realistisches Poster mit authentischer Computermagie aus Ghana:

Ein Junge verwandelt sich in einen Hund

Sakawa hat sich in Ghana nicht nur als krimineller Beruf etabliert - der Internetbetrug ist dort zu einer öffentlichen und unzensierten Subkultur geworden, wie in den Staaten die Guido-Fraktion oder die Swag-Generation. Wer sich auffällig kleidet oder ein teures Vehikel sein Eigen nennt, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit im Sakawa Business. Das weiß in Ghana anscheinend jedes Kind, wenn wir der Dokumentation glauben möchten. Musik, Filme, Serien und Zeitschriften widmen sich Sakawa. Wenn Rockstar Games von der Sache Wind bekommen, erwartet uns vielleicht irgendwann ein GTA-Teil mit Sakawa-Thematik.

Die Verbreitung von Sakawa als Beruf ist natürlich auf Korruption in der Regierung, eine miserable Situation auf dem Arbeitsmarkt in Ghana und andere sozioökonomische Stolpersteine für die junge Generation zurückzuführen. Umso größer ist also die Verlockung, mit dem Internet ein paar schnelle und lukrative Geschäfte auf Kosten anderer zu unternehmen.

Betrug im Land der unbegrenzten Marketingmöglichkeiten

Unsere Kollegen bei The Verge hatten übrigens kürzlich ein lesenswertes Feature über sogenanntes “Internet Marketing” der ganz üblen Sorte, das in Form von Pyramidensystemen bzw. Schneeballsystemen im Netz eine moderne Variante des Schlangenölverkaufs darstellt. Auch in den Staaten sorgt finanzielle Verzweiflung für Treibstoff in diesem Milieu, die Endsituation ist dieselbe: Das Opfer zahlt mehr oder minder bereitwillig eine kleine bis nette Summe an den Betrüger.

Wie sieht es bei euch aus? Wurdet ihr jemals Opfer eines Internetbetrugs, einer Vertragsfalle oder gieriger Abmahnanwälte? Ist vielleicht ein Ghana-Experte unter Euch, der die Dokumentation von VICE ablehnt oder als verfälscht bezeichnen würde?


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